Dr. med. Bernhard Gibis

Leiter des Dezernats 4 (Geschäftsbereich Versorgungsstruktur) der KBV


Nach dem Abschluss der Facharztweiterbildung Gynäkologie und Geburtshilfe MPH-Abschluss in Hannover. Mitarbeiter der KBV seit 1998, mehrjährige Auslandsaufenthalte zu Themen der evidenzbasierten Medizin (insb. HTA) und Versorgungsplanung als Mitarbeiter internationaler Forschungseinrichtungen, zuletzt 2007/2008 für die  WHO, Regionalbüro Europa (Leitung Health Information Unit). Mitglied einschlägiger Fachgesellschaften,
Reviewtätigkeit für nationale und internationale Zeitschriften, Sachverständigentätigkeit u.a. für WHO und EU-Kommission. Schwerpunktthemen sind derzeit kooperative Versorgungsformen und Bedarfsplanungssysteme.


Fit für die tägliche Praxis:  Ambulante Versorgung in Aus- und Weiterbildung

Ziel der universitären, ärztlichen Ausbildung ist der wissenschaftlich und praktisch in der Medizin ausgebildete Arzt, der zur eigenverantwortlichen und selbständigen ärztlichen Berufsausübung, zur Weiterbildung und zu ständiger Fortbildung befähigt ist. Ziel der Weiterbildung wiederum ist der geregelte Erwerb festgelegter Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten, um nach Abschluss der Berufsausbildung besondere ärztliche Kompetenzen zu erlangen. Beide Bereiche, Aus- und Weiterbildung, sollen sicherstellen, dass Ärztinnen und Ärzte hinreichend zuverlässig auf die tägliche Versorgungspraxis vorbereitet werden. Diese Versorgungspraxis erfährt grundlegende Veränderungen: immer mehr Leistungen werden ambulant erbracht, in einer Gesellschaft des längeren Lebens werden kontinuierliche Versorgungsangebote im ambulanten Setting immer wichtiger. Die beständig fortschreitende Spezialisierung der Medizin führt zur fortgesetzten Fragmentierung der Versorgungsangebote, die die Aufgabe der Koordination bedeutsamer werden lässt. Gleichzeitig darf die Vermittlung einer grundlegenden ärztlichen Haltung und von Kenntnissen (z.B. ärztliches Gespräch, Betreuung Sterbender, Zusammenarbeit im Team) nicht unter der Technisierung des Berufes leiden. Berichtet wird, dass auch nach langjährigen Aus- und Weiterbildungszyklen Ärztinnen und Ärzte mit Aufnahme der Tätigkeit in der ambulanten Versorgung dennoch am Anfang einer Lernkurve stehen.

Diese Entwicklungen werden in den geltenden Qualifizierungssystemen kaum gespiegelt. Selbstverständlich erlauben die langlaufenden Zyklen der mindestens elfjährigen Aus- und Weiterbildung keine kurzfristige Reaktion auf passagere Trends. Die Abbildung von grundlegenden Versorgungsveränderungen wie der Ambulantisierung  jedoch erfordert gezielte Anpassungen, die bislang nur zögerlich auf den Weg gebracht werden. Hierzu gehören ambulante Abschnitte in der Aus- und Weiterbildung genauso wie die Vermittlung von Kenntnissen, die in klinischen Settings in der Regel nicht oder nicht mehr zur Versorgungspraxis gehören. Hierzu gehören die Themen Prävention genauso wie die kontinuierliche Versorgung von chronisch kranken Patienten, auch in ihrem häuslichen Umfeld. Für die hausärztliche Versorgung wurden in der Weiterbildung schon entsprechende Maßnahmen ergriffen, für die fachärztliche Versorgung zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab: viele Krankenhäuser können auch aufgrund der zunehmenden Spezialisierung, aber auch der Ambulantisierung der Versorgung nicht mehr den vollen Weiterbildungsumfang anbieten. In beiden Bereichen, haus- wie fachärztlich, werden damit Verbundweiterbildungsmodelle unter Einschluss der ambulanten Versorgung immer wichtiger.

In Anbetracht dieser grundlegenden Veränderungen bedarf es einer umfassenderen Integration der Bedarfe ambulanter Versorgung in das System der ärztlichen Aus- und Weiterbildung. Weiterbildung ist dabei nicht nur ausschließlich „training-on-the-job“ im Krankenhaus, sondern bedarf der gezielten ideellen und investiven Unterstützung sowohl im ambulanten wie im stationären Bereich. Bislang sind (mit Ausnahme der Allgemeinmedizin) die besonderen Aufwände der Weiterbildung nicht hinreichend in den auf Leistungserbringung angelegten Vergütungssystemen der ambulanten und stationären Versorgung hinterlegt. Um dem anstehenden Versorgungswandel gerecht zu werden, ist grundsätzlich zu prüfen, ob losgelöst von der Finanzierung der Leistungserbringung, ähnlich der Ausbildung und der ambulanten Weiterbildung für Allgemeinärzte, auch in der Weiterbildung aller Fachgruppen Ressourcen gezielt für die Vergütung der Weiterbildungsassistenten und insbesondere für die Infrastruktur der Weiterbildung aufgewendet werden sollen. Erste Schritte in diese Richtung hat der Gesetzgeber mit dem Versorgungsstärkungsgesetz gemacht.